Fußfesseln für alle
Ich pendle heute zwischen Runway Renderings und Willhaben Inseraten, halbe Stunden hier, halbe Stunden dort, und ja, ich gestehe .
Ich lasse tatsächlich ChatGPT meine Inserate vorbereiten. Endlich mal ein sinnvoller Use für das Ding. Die Maschine, die angeblich die Menschheit transformiert, formuliert mir gerade „gut erhalten, Nichtraucherhaushalt, nur Selbstabholung“. Kein „Was Letzter Preis“
Das ist der Stand der Singularität im Juli 2026, und irgendwo zwischen dem dritten Render und dem vierten Inserat läuft nebenbei die Welt, die sehr seltsam geworden ist, seltsamer als meine Verkaufsartikel, und ich sitze da in medientheoretische Gedanken versunken wie in einen zu heißen Kaffee.
Fangen wir mit dem Süßen an, weil das Bittere noch kommt.
Die USA sind aus ihrer eigenen WM geflogen. 1:4 gegen Belgien, Seattle, in der Nacht auf heute, und ich gebe die Schadenfreude gar nicht erst als etwas anderes aus. Sie ist süffisant, sie ist unedel, sie schmeckt. Das war nämlich nicht irgendein Ausscheiden, das war das Ausscheiden NACH dem Anruf.
Trump hat selbst zugegeben, bei Infantino angerufen zu haben, damit die Rotsperre von Balogun „überprüft“ wird, die FIFA hat brav gekuscht, Belgiens Beschwerde wurde abgeschmettert, und dann stand der begnadigte Balogun neunzig Minuten auf dem Platz und war ungefähr so wirksam wie ein Zollbescheid gegen die Schwerkraft. De Ketelaere doppelt, Vanaken nach einem Freese-Geschenk, Lukaku zum Dessert in der Nachspielzeit. Wenn ein Präsident den Weltverband anruft und die Mannschaft trotzdem zerlegt wird, dann hat der Fußball für einen Abend etwas getan, was Gerichte, Kongress und Presse seit Jahren nicht schaffen: er hat die Realität nicht verhandelt. Der Rasen kennt keine Executive Order. Der lange Read zu FIFA, Macht und dem Balogun-Präzedenzfall kommt im Rahmen des nächsten größeren WM-Packages, das ich mir für die kommenden Runden aufhebe, dieses Turnier gibt noch mehr her als eine Dose.
Und im selben Turnier, in Dallas, weinte Cristiano Ronaldo. Portugal 0:1 gegen Spanien, Merino in der Nachspielzeit, aus, vorbei, für immer. Ich bin bei diesem Mann nie Fan gewesen, seine Marke war mir immer zu poliert, zu sehr Duschgel-Werbung gewordene Ehrgeizmaschine. Aber es gibt einen Moment, in dem die Marke reißt und darunter ein Einundvierzigjähriger steht, der achtundzwanzig Jahre lang alles gewonnen hat außer dem einen, und der jetzt weiß, dass die Tür zu ist, nicht angelehnt, ZU. Achtzehn Ballkontakte in seinem letzten WM-Spiel. Man geht nicht groß ab. Man geht ab, wie alle abgehen: zu spät, zu leise, mit nassen Augen vor Leuten, die schon das nächste Spiel im Kopf haben.
Dafür, nur dafür, ein wehmütiger Hut-Zieher von einem, der Abschiede sammelt wie andere Sticker. Die Tränen von Dallas gehören in ein eigenes, in Ruhe gebautes Stück über dieses Turnier und seine Abgänge, das kommt, wenn die WM ihren Bogen fertig erzählt hat. Wenn die Tränen wieder wichtigen Dingen gehören. Denn Fusball ist eben eines jener Spiele vom Brot mal abgesehen, das dem Volke den Sand etwas tiefer in die Pupille bläst.
Von Dallas nach Ankara

ist es medientheoretisch und geoplitisch nur ein kleiner Schritt.
Dort beginnt heute der NATO-Gipfel, im Präsidentenpalast, und ich schreibe das bewusst so: im PALAST. Erdoğan hat sich das Gipfeltreffen in sein eigenes Bühnenbild geholt, Kanonen, Reiter, Kunstflugstaffel für den ankommenden Trump, und Trump, gerührt wie ein Kind vor der Modelleisenbahn, verkündet prompt: Sanktionen weg, und die F-35? „Certainly something we will consider.“ Der Mann, der die Türkei 2019 selbst aus dem Programm geworfen hat, weil Erdoğan russische S-400 gekauft hat, will ihm jetzt das Kronjuwel der westlichen Luftwaffe andrehen, Kongressverbot hin, CAATSA her. Wie verrückt muss man sein.
Und hier keine falsche Diplomatie von meiner Seite, kein Weichzeichner. Dieser Mann ist kein Demokrat. Ein Land, das Wochen vor dem Gipfel Hunderte Menschen wegräumt, das Parlament in Zwangspause schickt, jede Demonstration in der Hauptstadt bis zum 10. Juli verbietet und laut Human Rights Watch über zweihundert Aktivisten, Anwälte und Journalisten einkassiert, damit die Familienfotos schön werden, das ist kein Bündnispartner, das ist ein Gastgeber mit Kellerverlies. Was Erdoğan aus der säkularen Türkei zu machen droht, aus Atatürks stolzem, widersprüchlichem, aber immerhin auf Trennung von Moschee und Staat gebautem Projekt, ist eine der leisen Tragödien dieses Vierteljahrhunderts. Und die NATO klatscht, weil sie Bilder der Geschlossenheit braucht. Bilder. Nicht Geschlossenheit.
Die Problematik beginnt nämlich viel früher, und das ist die These, die sich heute durch alles zieht: Demokratien baden in Bequemlichkeit und lassen zu, dass sie schleichend ausgehöhlt werden. Nicht der Putsch ist die Gefahr, sondern der Gähn. Erdoğan wurde nicht über Nacht zum Sultan, er wurde es Wahl für Wahl, Richter für Richter, Sender für Sender, während der Westen jeweils gerade Wichtigeres zu tun hatte. Aber man darf im selben Atemzug nicht vergessen, sonst wird man zum Doom-Kolumnisten, und Doom ist auch nur Bequemlichkeit mit umgekehrtem Vorzeichen, das es Selbstreinigungskräftegibt. Ungarn hat es im April vorgemacht: sechzehn Jahre Orbán, ein durchorchestriertes System aus Medienkontrolle, Oligarchen und Wahlkreisgeometrie, und dann stehen achtundsiebzig Prozent der Wahlberechtigten auf, Rekordbeteiligung, Zweidrittelmehrheit für Magyar, und die Privatjets mit den Oligarchenvermögen heben Richtung Ausland ab.
Systeme, die auf einem Mann gebaut sind, sind exakt einen Mann breit. Das ist keine Garantie. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Aushöhlung reversibel bleibt, solange gewählt wird und die Auszählung stimmt. Der Big Read zu Führung, Athen, dem römischen Senat und dem Gendefekt namens Gefolgschaft steht heute als eigenes Stück in der Rubrik, der Tag trägt ihn mit Leichtigkeit. der Unerträglichen wohl. Des Seins.
Womit wir bei Paris wären, heute Nachmittag, Berufungsgericht.
Marine Le Pen ist schuldig
Was klar war ist nun endlich bestätigt. Veruntreuung von EU-Geldern, das Scheinassistenten-System des alten Front National, 2004 bis 2016, sechsundvierzig Verträge. Drei Jahre, zwei davon auf Bewährung, eines mit elektronischer Fußfessel, hunderttausend Euro Strafe, aber als raffinierte Falle nur noch fünfzehn Monate Unwählbarkeit statt fünf Jahren. Sie KANN 2027 antreten. Mit Fußfessel. Ich musste zweimal lesen und habe dann verstanden, was für ein fein gedrechseltes Urteil das ist. Es nimmt ihr das Märtyrerinnen-Kostüm weg (sie ist wählbar, niemand hat „die Demokratie ihr die Kandidatur gestohlen“) und hängt ihr gleichzeitig einen Klotz ans Bein, im Wortsinn, denn Wahlkampf mit richterlich verordneten Ausgangszeiten ist eine Groteske, die sich selbst kommentiert.
Abends, auf TF1, ganz in Weiß: Sie kandidiert. Natürlich kandidiert sie, auf die Gier rechtsrechter Politiker ist Verlass, egal was sie für den Fesselfall einmal ausgeschlossen haben mag. Und zwar als „politisches Ticket“ mit Bardella, der im Siegesfall ihr Premier würde, man beachte die Konstruktion: Sie braucht seine Umfragewerte als Krücke und degradiert den Mann mit den besseren Zahlen zum Vizekönig. Die Fußfessel will sie per Kassationshof abwenden und riskiert damit, dass alles neu aufgerollt wird und härter endet, sie setzt die 2027 er Chance der ganzen Bewegung auf die eigene Eitelkeit.
Man stelle sich die Karikaturen vor: Ein Objekt am Körper nutzt sich, anders als ein Skandal, nie ab, es ist in JEDEM Bild mit drin, und diese Zeichnungen kosten den RN am Ende womöglich exakt jene drei bis fünf Punkte, die ins Elysée geführt hätten. Ihr Schlusssatz des Abends: Sie erachte sich als unschuldig. Trotz zweifach bestätigtem Urteil, ist ja klar, das Gerichtsurteil als Meinung unter Meinungen, gegen die man die eigene hält. Wenn Urteile nur noch Meinungen sind, ist die Aushöhlung im Justizkapitel angekommen.
Und dann der Teil des Tages, bei dem mir die Süffisanz im Hals stecken bleibt.
Banda Aceh, vergangenen Donnerstag, ein Stadtpark, eine Bühne, Vermummte in Roben. Ein Paar, er zweiundzwanzig, sie fünfundzwanzig, einundzwanzig Rohrstockhiebe. Jeder.
Ihr Verbrechen war ein Kuss

In einem Auto, in einem Livestream, im Februar. Vier Monate saßen sie dafür schon im Gefängnis, das wurde ihnen gnädig von den fünfundzwanzig Hieben abgezogen, und mindestens hundert Menschen schauten zu, manche riefen, man möge fester schlagen. Das Handy wurde als Beweismittel eingezogen, zur Vernichtung. Ein Kuss. Ich kann meine Verachtung für die Männer, die solche Systeme bauen, betreiben, beklatschen und es sind immer Männer, es sind IMMER die Männer mit den Roben und den Räten und den Rohrstöcken nicht mehr in druckbare Worte fassen.
Dieselbe Sorte, die weltweit erstaunlich wenig Probleme damit hat, sich in vollen Straßenbahnen an Frauenkörper zu drücken; die Moral endet exakt dort, wo der eigene Unterleib beginnt. Und bevor jemand „Islamophobie“ ruft: Ich bin Atheist, ich verachte jede Religion mit derselben anarchistischen Gründlichkeit, den Katholizismus, der Kinderschänder versetzt hat wie Filialleiter, inklusive, und die Burschenschafter-Christlichkeit, zu der wir gleich kommen, sowieso. Der Kuss von Banda Aceh bekommt heute sein eigenes Stück in der Femtime-Rubrik, weil er dort hingehört. Es geht um Körper, um wessen Körper bestraft werden und wessen Hände straflos bleiben.
Denn man muss gar nicht nach Sumatra schauen, um religiös-völkisch grundierte Männergewalt zu besichtigen.
Leoben reicht. Steiermark, mein Bundesland, 20. Juni,
Stiftungsfest der Burschenschaft Leder
Kann keine wichtige sein, niemand hat je von ihr gehört.
Drei Käsehoch steigen ins Taxi und grölen Hitler-Parolen, der Fahrer komplimentiert sie hinaus und ruft die Polizei.
Ein Taxifahrer zeigt nachts um drei mehr Rückgrat als ganze Parlamentsfraktionen tagsüber und wird dafür gewürgt, zu Boden gebracht und getreten. Prellungen am ganzen Körper, Beulen, Hämatome. Unter den Verdächtigen, wie Standard und ORF-Report herausfinden aber damit verwundern befinden sich führende Kader der Identitären, einer davon bis vor Kurzem parlamentarischer Mitarbeiter eines FPÖ-Abgeordneten, nebenbei Verhetzungsermittlung wegen eines Instagram-Postings.
Und unser Nationalratspräsident Rosenkranz? Hat die Berichte, wonach zehn bis zwanzig blaue Parlamentsmitarbeiter in Verfassungsschutzunterlagen aufscheinen, wiederholt bestritten, so klein geredet wie er selbst zu sein scheint, und verteidigt eben dieses Milieu. Spanneder daran ist leider auch das die demokratoisch erträglichen Parteien, die ja die Regierung bilden, keinen Mumm in ihren gut bezahlten Knochen, ihn einfach abzuwählen, und im Hohen Haus dafür zu sorgen das nicht jedes Braungespenst aus und ein nach belieben. Schlicht, ohne Drama.
Rechte jammern sowieso. Dann wenigstens zu rechts.
Unschuldsvermutung für die Einzelnen, selbstverständlich. Für das Muster gibt es keine Unschuldsvermutung mehr, das Muster ist aktenkundig. Aceh und Leoben sind nicht dasselbe, aber sie sind Verwandte.
Aber was mir wichtig zu erklären, im Grunde ist es mir egal, dieses Theaterstück der Konfessionen und ismen. Wir sind längst aller Unschuld beraubt, welchen Farben oder Flöhen wir auch zu huldigen umnachten. Wir sind aufgeklärt , wen wir es denn wollten. Demokratie, sie liegt an uns. Nicht an den Flaschenhälsen mit oder ohne Perücke. Wir leben im Zeitalter des Erkennbaren aber geniessen lieber schweigend das Fast Food der Schwamflatulenz.
Überall dort, wo Männer sich eine höhere Ordnung basteln, Gott, Volk, Rasse, egal, Hauptsache höher, endet es damit, dass jemand am Boden liegt und getreten wird, und die Institutionen schauen weg oder halten den Mantel.
Politik ist ein würdeloseste Geschäft geworden. Und das ist das eigentlich Traurige daran, weil es die edelste ethische Führungsform sein KÖNNTE.
Die Griechen haben dem Ding immerhin zugetraut, dass es die höchste Form des tätigen Lebens sei, und selbst der römische Senat hatte in seinen besseren Jahrhunderten wenigstens die Idee von dignitas, bevor er sie an Caesaren verscherbelte. Heute verscherbeln wir sie an Männer, die FIFA-Präsidenten anrufen, Kampfjets an Autokraten verschenken und Taxifahrer-Verprügler beschäftigen. Ich verstehe grundsätzlich nicht, wozu Menschen Führung brauchen, dieses Bedürfnis, sich einem Größeren an den Gürtel zu hängen, am Rockzipfel, kriechend zu leben.
Es scheint mir ein Gendefekt zu sein, und meiner ist es nicht, aber weil er nun mal in der Herde steckt, ist die einzige zivilisierte Antwort darauf eine Führung so zu bauen, dass sie jederzeit abwählbar, auslachbar und im Zweifel mit Fußfessel versehbar ist. Ungarn hat abgewählt. Paris hat gefesselt. Seattle hat 4:1 ausgelacht. In Österreich, meinem geliebten Auenland, wird derweil an die beginennden Ferien und die Saufgelage zwischen Lignano, Wörthersee und Neuer Donau gedacht. Nur kan Stress, das wär zu kess.
Kein schlechter Dienstag für die Selbstreinigung, alles in allem. Ich gehe jetzt zurück zu meinen Inseraten. Irgendjemand muss in diesem Haushalt schließlich mit Würde verkaufen.