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    Einundzwanzig Hiebe für einen Kuss

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    Banda Aceh, ein Stadtpark, und die Männer, deren Moral am eigenen Unterleib endet

    Es gibt Nachrichten, die man zweimal liest, weil man beim ersten Mal hofft, sich verlesen zu haben. Diese hier blieb beim zweiten Lesen exakt so stehen: Am 2. Juli wurden in Banda Aceh, Provinzhauptstadt der einzigen indonesischen Provinz mit Scharia Strafrecht, ein Mann von zweiundzwanzig und eine Frau von fünfundzwanzig Jahren öffentlich mit dem Rohrstock ausgepeitscht. Einundzwanzig Hiebe. Jeder. Auf einer Bühne im Bustanussalatin-Stadtpark, vollstreckt von Vermummten in Roben, vor mindestens hundert Zuschauern, von denen einige riefen, man möge doch fester zuschlagen.

    Ihr Verbrechen war ein Kuss. In einem Auto, in einem TikTok-Livestream, im Februar. Kein Übergriff, kein Opfer, kein Schaden, zwei erwachsene Menschen, die einander küssen wollten und geküsst haben. Der Stream ging viral, „besorgte Bürger“ erstatteten Anzeige, die Scharia-Polizei rückte aus, vier Monate Untersuchungshaft, die ihnen das Gericht großzügig mit vier Hieben Rabatt verrechnete. Fünfundzwanzig waren verhängt, einundzwanzig wurden vollstreckt. Das Handy wurde zur Vernichtungeingezogen, als wäre der Kuss ein Virus, den man verbrennen kann. Amnesty nennt das, was es ist: Folter, mit Bühne und Publikum.

    Der Chef der örtlichen Scharia-Polizei nennt es einen Erfolg und verkündet stolz eine Premiere: erstmals sei jemand für einen Scharia Verstoß im Netz bestraft worden. Die Sittenwächter haben das Digitale entdeckt. Sie scrollen jetzt. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Die Rute des 7. Jahrhunderts, ausgestattet mit dem Monitoring-Werkzeug des 21.

    Und hier, an genau dieser Stelle, verweigere ich die übliche Choreographie des westlichen Kommentars, dieses vorsichtige Umtänzeln, dieses „man muss den kulturellen Kontext“. Nein. Muss man nicht. Der kulturelle Kontext ist: Männer. Männer in Roben, Männer in Räten, Männer mit Rohrstöcken, Männer, die eine höhere Ordnung verwalten, deren auffälligste Eigenschaft seit jeher ist, dass sie Frauenkörper reguliert und Männerhände freispricht.

    Es ist dieselbe Sorte Mann, die sich weltweit, von Kairo bis Köln, das Phänomen kennt keine Visa-Pflicht, in vollen Straßenbahnen und U-Bahnen an fremde Frauenkörper drückt und dafür in aller Regel exakt null Rohrstockhiebe kassiert. Die Moral dieser Herren ist ein Einbahnsystem. Sie endet dort, wo der eigene Unterleib beginnt, und sie beginnt dort, wo der Körper einer Frau sichtbar wird. In Aceh erlaubt der Strafkatalog bis zu hundert Hiebe für „Unzucht“ und er bestraft Frauen auch für zu enge Kleidung. Zu enge Kleidung. Der Stoff ist schuldig, nie der Blick.

    Ich schreibe das als Atheist, und zwar als einer mit anarchistisch verteilter Verachtung. Ich halte jede Offenbarungsreligion für eine Zumutung an den erwachsenen Verstand, die katholische Kirche mit ihrer jahrzehntelang systematisch versetzten Kinderschänderei genauso wie jede Variante göttlich legitimierter Sittenpolizei.

    Wer bei Aceh „aber das Christentum“ ruft, hat recht und lenkt trotzdem ab; wer bei der Kirchenkritik „aber der Islam“ ruft, ebenso. Das Muster ist konfessionsübergreifend und immer identisch: Eine Männergruppe erklärt sich zum Verwaltungsapparat des Absoluten, und das Erste, was das Absolute dann interessanterweise verlangt, ist die Kontrolle weiblicher Sexualität. Immer.

    Das Absolute hat verdächtig irdische Prioritäten. Und wenn der Religionsgründer selbst, welcher auch immer, sie waren in dieser Hinsicht ein bemerkenswert homogener Berufsstand, Besitzansprüche auf Frauen als göttliche Fügung verbuchen durfte, dann wundert einen an der Nachfolgeorganisation gar nichts mehr.

    Das Perfide am Fall von Banda Aceh ist die Modernität seiner Mechanik. Nicht die Strafe ist neu, neu ist die Denunziations-Pipeline: Livestream, Viralität, Kommentarspalten-Empörung, Anzeige, Vollstreckung, der Mob von 1526 brauchte noch einen Marktplatz, der von 2026 braucht nur noch WLAN. Und die zweite Modernität ist die Bühne, die Massenbelustigung, öffentliche Folter als Entertainment programm.

    Man hat die Auspeitschung nicht versteckt, man hat sie inszeniert, mit Publikum und Pressefotografen, denn die Strafe gilt ja gar nicht primär den beiden,sie gilt allen anderen. Eine zweiundzwanzigjährige Zuschauerin gab den Reportern zu Protokoll, die Strafe sei völlig gerechtfertigt, als Warnung, künftig vorsichtiger mit Social Media umzugehen. Der eigentliche Erfolg solcher Systeme sinmd nicht die Striemen auf zwei Rücken, sondern die Schere in zehntausend Köpfen. Jedes Paar in Aceh, das sich heute Abend im Auto küssen möchte, wird an die Bühne im Stadtpark denken. Genau dafür wurde sie gebaut.

    Was tun, von einem Grazer Balkon aus? Nicht wegschauen, nicht relativieren, und die Organisationen stärken, die vor Ort den Kopf hinhalten. Amnesty dokumentiert diese Fälle seit Jahren gegen erhebliche Widerstände, indonesische Menschenrechtler wie Usman Hamid sagen die unbequemen Sätze im eigenen Land, was ungleich mehr Mut kostet als jeder europäische Leitartikel. Und im eigenen Land die Reflexe schärfen, denn die Männer mit der höheren Ordnung gibt es auch hier, sie tragen keine Roben, sondern Couleur, und wie deren Abende enden, war vor zwei Wochen in Leoben zu besichtigen. Der Rohrstock und der Springerstiefel sind Cousins. Beide brauchen jemanden am Boden, um sich aufrecht zu fühlen.

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